Auf Grenzregionen kommt es an Jahreskongress von VDFG/FAFA

Mit einem Appell zum Handeln für Vielfalt, Offenheit, Völkerverständigung und Frieden beendete VDFG-Präsident Jochen Hake am Sonntag, 18. Oktober, den 70. Jahreskongress von VDFG und FAFA, der am Freitag, 16.Oktober im Festsaal des Schlosses in Saarbrücken eröffnet worden war.  Nach den jüngsten regionalen Wahlergebnissen in Deutschland, die aufgerüttelt hätten, und in Erwartung der Präsidentschafts- und wahrscheinlich auch der darauf folgenden Parlamentswahlen in Frankreich im kommenden Jahr, sei eine funktionierende demokratische Zivilgesellschaft nötiger denn je. Die VDFG sei zwar parteipolitisch neutral, aber keineswegs unpolitisch. In diesem Sinne rief der VDFG-Präsident dazu auf, sich noch stärker für die Graswurzeldemokratie in beiden Ländern zu engagieren: „Wir können es nicht oft genug sagen und müssen danach handeln.“

Zuvor hatte die Ministerpräsidentin des Saarlandes, Anke Rehlinger (SPD), in einer Podiumsdiskussion zum Abschluss betont, wie wichtig die Erfahrungen in den Grenzregionen unserer Länder sind. Saarbrücken ist vier Kilometer von der Grenze entfernt. Das Zusammenleben über die Grenzen hinweg sei hier gelebte „Alltäglichkeit“, die aber „störanfällig“ sei. Diese Nähe zur Grenze sei auch stark mit Emotionen verbunden., gerade wenn es um sehr praktische Fragen wie Vereinbarungen über eine grenzüberschreitende Gesundheits- oder Wasserversorgung geht. Die MP verwies dabei auf die „Frankreich-Strategie“ des Saarlandes, die schon ihre Vorvorgängerin, Annegret Kramp-Karrenbauer, auf den Weg gebracht und die sie zu einer „Frankreich-Strategie Plus“ weiterentwickelt habe. um die Mehrsprachigkeit und die Durchlässigkeit im gesamten Bildungssystem zu fördern, von der Kita bis zur Universität und Berufsausbildung, damit das „Deutsch-Französische“ kein Eliteprojekt sei.

Frankreichs Generalkonsul in Saarbrücken, Jérôme Spinoza, und die Direktorin des „Deutsch-Französischen Instituts (dfi) in Ludwigsburg, Isabell Hoffmann, bestätigten, dass die Erwartungen an Europa konstant sehr hoch seien, die Umsetzung der vielen Projekte aber problematisch. Sie stellten die Frage, ob es eine gemeinsame Grenzkultur gebe und verwiesen auf eine immerwährende Notwendigkeit, die Anliegen der Grenzregionen auch in die Hauptstädte zu tragen. Schließllich, darauf hatte die Moderatorin der Diskussion Claire Demesmay, Direktorin des Institut Francais in Bonn, hingewiesen, sind 40% des Territoriums der EU Grenzregionen, in denen 30% ihrer Bevölkerung leben. „Auf die Grenzregionen kommt es an“, bilanzierte die Ministerpräsidentin aus der Grenzregion Saarland.

Jochen Hake hatte den Kongress am Freitagnachmittag gemeinsam mit dem Präsidenten der französischen Partnerorganisation FAFA (Fédération des Acteurs Franco-Allemands), Jean-Michel Prats, eröffnet. Er dankte der DFG Saar, die zugleich ihren 65., Geburtstag feierte, und ihrer Präsidentin Patricia Oster-Stierle, für die vorzügliche Zusammenarbeit bei der Vorbereitung und der Organisation des Kongresses. Er verwies auf die zeitgleich in unmittelbarer Nachbarschaft des Schlosses stattfindende Ausstellung über den „Alltag französischer Kriegsgefangener in Deutschland während des zweiten Weltkriegs“. Jean-Michel Prats erinnerte daran, dass „sich Versöhnung nicht dekretieren“ lasse, sondern „ihre Entwicklung gefördert“ werden müsse. Dazu leisteten unsere Verbände ihren Beitrag „mit Offenheit, Weitervermittlung und konkreten Projekten.“

Als Gastgeberin erklärte Professorin Oster-Stierle in ihrer Begrüßung, dass man im Saarland stolz darauf sei, jetzt einen Beobachterstatus in der Gemeinschaft frankophoner Länder erhalten zu haben – ein Ausweis der besonderen Geschichte, die das Saarland mit Frankreich verbindet. Für die Staatskanzlei begrüßte Staatssekretär David Lindemann die Gäste. Er erklärte unter anderem, „die Deutsch-Französischen Gesellschaften und ihre Verbände VDFG und FAFA leisten seit Jahrzehnten einen wichtigen Beitrag .Sie bringen Menschen zusammen, ermöglichen Begegnungen und schaffen Räume für Austausch über Grenzen und Generationen hinweg.“ Und im Auftrag des französischen Botschafters in Berlin Francois Delattre, der bedauerte verhindert zu sein, betonte der neue Kulturattaché Sylvain Micard, dass die Partnerschaft mit der VDFG für die Botschaft ein wichtiges Anliegen sei. Mit Hilfe der DFGen solle im kommenden Jahr vor allem die französische Präsenz im Osten Deutschlands verstärkt werden.

In einer von der FAZ-Korrespondentin in Paris, Michaela Wiegel, moderierten Diskussionsrunde zu Beginn wurde das Zusammenspiel von Zivilgesellschaft und Politik debattiert. Dabei verwies die neue französische Generalsekretärin des Deutsch-Französischen Jugendwerks (DFJW/OFAJ), Pascale Trimbach, darauf, dass die Arbeit des DFJW auch ein Modell sei, etwa für jetzt stattfindenden Austausche zwischen jungen Serben und Kosovaren. Und der Leiter des Deutsch-Französischen Bürgerfonds, Benjamin Kurc, begrüßte die Tatsache, dass jetzt, nach mehreren Jahren, eine definitive organisatorische Regelung für den Bürgerfonds vereinbart worden sei.

Der Vorsitzende der Deutsch-Französischen Parlamentariergruppe im Bundestag, der saarländische Abgeordnete Roland Theis (CDU), thematisierte, dass es immer mehr Fragen zum Verhältnis zwischen Deutschland und Frankreich gebe. Dass die Verteidigungsausgaben in Deutschland, zum Beispiel, inzwischen so hoch seien, wie die von Frankreich und Großbritannien zusammen, dürfe nicht zu neuem Nationalismus führen. Nur gemeinsam könnten beide Länder die neuen Herausforderungen etwa in der Industrie- und der Handelspolitik, meistern. Und der nun begonnene strategische Dialog mit Frankreich über die atomare Abschreckung sei ein wichtiger Schritt. Die zivilgesellschaftliche Basis der Zusammenarbeit jedenfalls dürfe nicht schmal werden. Der ehemalige Präsident der Banque de France, Francois Villeroy de Galhau, mahnte: „Das europäische Dorf ist von Feinden umgeben.“ Frankreich und Deutschland brauchten einander mehr denn je, aber dem „Paar“ gehe es nicht gut. Besonders in Fragen der Verteidigung fehle die europäische Dimension. Außerdem:  Frankreich habe sehr schlechte öffentliche Finanzen, stehe aber bei den privaten Vermögen gut da. Es sei dringend, privates Geld für Energie, KI und auch Verteidigung zu mobilisieren. Schließlich:  Der Ausgang der Wahlen in Frankreich im kommenden Frühjahr sei offen. Und es gebe auch keine generelle Ablehnung Europas in Frankreich. „Trump ist der bete Stimulus für uns.“

Am Samstag, 17. 10., fanden parallel mehrere Ateliers und Arbeitsgruppen statt, über deren Berichte wir baldmöglichst informieren werden. Ein Bericht über die Jahreshauptversammlung der VDFG am Freitag, 16.10., vor Eröffnung des Kongreses, folgt. DP

Foto: Claire Demesmay, Anke Rehlinger, Jérôme Spinoza, Isabell Hoffman (vlnr) – Quelle: Puhl