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Sprache, Städtepartnerschaften

Schulpartnerschaften neu aufstellen und beleben

21. April 2020 Sprache, Städtepartnerschaften 0 Kommentare

Die Schule in ihrer Gesamtheit ist in der Pflicht

Die Unterzeichnung des Elysee-Vertrages vom 22. Januar 1963 stellt den Beginn einer deutsch-französischen Kooperation dar, wie es sie nirgendwo auf der Welt noch einmal gibt. Ganz entscheidend war die Vereinbarung einer vielfältigen Koordinierung und engen Zusammenarbeit auf der Ebene der Regierungen unserer beiden Länder. Als ein Erfolgsmodell ohnegleichen hat sich bis heute die Schaffung des Deutsch-Französischen Jugendwerks DFJW / Office Franco-Allemand pour la Jeunesse OFAJ erwiesen. Weniger wirkungsvoll zeigt sich die Vertragsverpflichtung zur Erlernung und Förderung der jeweiligen Partnersprache. Hier fehlte und fehlt auf beiden Seiten der politische Wille. Die Unterschiedlichkeit der Schulsysteme und der deutsche Bildungsföderalismus erschwert die Durchsetzung zusätzlich.

Mit großer Begeisterung in der Bürgerschaft Frankreichs und Deutschlands entstanden im Laufe der Jahrzehnte ca. 2.200 Städte-, Gemeinde- und Regionalpartnerschaften / Jumelages. Eine Auflistung ist u. a. zu finden unter www.vdfg.de / VDFG / Städtepartnerschaften.

Im Zuge dieser Begeisterung der 60er und 70er Jahre kam es auch zum Abschluss zahlreicher Schulpartnerschaften. Die Anzahl dürfte ein Vielfaches der bestehenden Städtepartnerschaften ausmachen.

Bedauerlicherweise liegen dem DFJW keine Daten vor – auch nicht annähernd – über die Zahl der bestehenden deutsch-französischen Schulpartnerschaften. 

Resignation vor dem geringer werdenden Interesse an diesen „appariements scolaires“ bis hin zur Aufgabe der Beziehung darf es nicht geben. Vielmehr gilt es, fantasiereich nach Möglichkeiten der Belebung Ausschau zu halten. 

In einem ersten Schritt stelle ich eine Diagnose an.

Weder 1963 noch anlässlich aller späteren „Jubiläen“ wurde klar formuliert, dass es sich um Schulpartnerschaften handelt. Das bedeutet, dass die ganze Schule in einem Partnerschaftsverhältnis steht zum französischen Partner, alle Schüler, alle Schulformen – unabhängig vom Erlernen der Partnersprache. 

Was wir jedoch alle gelebt haben und weiterleben, ist die nahezu exklusive Privilegierung der Französisch-Lernenden in Deutschland respektive Deutsch-Lernenden in Frankreich. Erschwerend kommt hinzu, dass die Erlernung der deutschen Sprache in Frankreich einen immer geringer werdenden Zuspruch verzeichnet, es also schwieriger wird, deutsch-lernende Gruppen in den Collèges zusammenzustellen. Oftmals hat das französische Collège nur eine Deutschlehrkraft, die dann die Mühe der Organisation aufzubringen hat. Nicht verwunderlich also, wenn viele Schulpartnerschaften große Schwierigkeiten haben fortzubestehen, ganz abgesehen davon, dass sich auch die Schülerschaft nicht mehr in dem Maße wie einst für die Begegnung interessiert.

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Man könnte auch auf die Bedeutung interkulturellen Lernens für das Zusammenwachsen in Europa noch hinweisen als Argument

Die „appariements scolaires“ könnten wesentlich breiter aufgestellt sein, alle Schüler erfassen, alle Schulformen mitnehmen, unabhängig davon, ob die Partnersprache gelehrt und gewählt wird.

Der zweite Schritt ist die Suche nach einer geeigneten Therapie. Ich wünsche mir, dass so viele Ansprechpartner wie möglich sich mobilisieren lassen zur Reflexion und Initiierung einer Kehrtwende. Das DFJW / OFAJ müsste sich in besonderer Weise in der Pflicht fühlen. Ich denke an die Schulministerien der Bundesländer und die Kultusministerkonferenz, an die französischen Schulaufsichtsorgane / Académies, die Kulturabteilungen / Services Culturels der Botschaften, das Büro des Bevollmächtigten für die kulturelle deutsch-französische Zusammenarbeit, die Französischlehrerverbände…. Hier sei mit Nachdruck hingewiesen auf die Informationsblätter der Vereinigung der Französischlehrerinnen und – lehrer e.V. FRANZÖSISCH HEUTE, ein Periodikum, das in keiner französisch lehrenden Schule fehlen dürfte. Gerade die Hefte 3 und 4 dieses Jahres befassen sich in ihrem Thementeil mit dem Anliegen. Heft 3:  u. a. Multilaterale europäische Projekte, Überblick über Austauschprogramme, – Institutionen, Plattformen und weiterführende Links. Heft 4: Austauschdidaktik und interkulturelles Lernen…. (siehe auch www.fapf.de). 

Eine besondere Chance bietet sich hier den 150 Mitgliedsgesellschaften der VDFG. Sie können unmittelbar vor Ort den Anfang machen für eine qualitative Neuordnung der bestehenden Schulpartnerschaften. Empfehlenswert ist es, dass die Fachschaft Französisch das Anliegen als besonderen Tagesordnungspunkt auf einer Lehrerkonferenz diskutieren lässt.

Eine Reihe von Bundesländern unterhalten Partnerschaften mit französischen Regionen, Der französische Partner Nordrhein-Westfalens als Beispiel ist die Region Nord-Pas de Calais (Seit dem 14. März 2016: Hauts-de-France: Nord Pas de Calais-Picardie). Nicht selten liegen auf deutscher wie auch auf französischer Seite die Partnerstädte und folglich die „appariements scolaires“ nur wenige Kilometer voneinander entfernt. Hieraus ergeben sich kostensparende Synergieeffekte. Es bedürfte lediglich der terminlichen Absprache benachbarter Schulen, um gemeinsam Busse zu chartern. 

Ob diese Bemühungen Erfolg haben werden, würde sich zeigen. Für heute gilt: Anpacken!

Feststeht, dass eine solche Neuaufstellung der Schulpartnerschaften das interkulturelle Lernen für das Zusammenwachsen in Europa und darüber hinaus in besonderer Weise fördert.

Feststeht auch, dass Schülerinnen und Schüler, welche Französisch bzw. Deutsch als Fremdsprache nicht belegt haben, dank der Begegnung motiviert werden können, diese als dritte schulische Fremdsprache zu wählen, ggf. auch in nichtschulischen Kursen.

Gereon Fritz, OStD a.D., Ehrenpräsident der VDFG für Europa e.V.


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