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ZigZag – ZickZack

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Wirr Warr im deutschen Sprachen Dschungel

18. Januar 2015 Allgemein 2 Kommentare
Komposita

Die deutsche Sprache und das Kompositum – sie sind zusammen durch dick und dünn gegangen und waren lange Zeit ein unzertrennliches Paar. Doch jetzt hat das Kompositum die Scheidung eingereicht. Die Meinungsverschiedenheiten seien in der letzten Zeit einfach zu häufig geworden.

Was hattet ihr doch in dieser langen Zeit für tolle Momente (man stelle sich zum folgenden Absatz romantisches Klavierspiel vor und einen Rückblick in Zeitlupe und Weichzeichner wie in amerikanischen Filmen): wie könnte man zum Beispiel die  Donaudampfschiffahrtselektrizitätenhauptbetriebswerkbauunterbeamtengesellschaft jemals vergessen? Was hat man doch für schöne Zungendreher gehabt mit Wörtern wie „Zuschussbeschluss“, was haben wir uns nicht alle köstlich über Gerhard Schröders „suboptimal“ amüsiert?

Und dann letztes Jahr der erste herbe Schlag für dieses einst so gut eingespielte Paar: Der Gesetzgeber hebt das Rindfleischetikettierungsüberwachungsaufgabenübertragungsgesetz auf und lässt damit ein Glanzstück deutscher Sprachökonomie einfach so verschwinden.

Egal ob „Lese Tipp“, „Anzug Hose“ oder „Anhänger Kupplung“: in der letzten Zeit sieht man immer häufiger dort eine klaffende Lücke, wo eigentlich keine sein sollte.

Lange Wörter wie „Mehrwertsteuererhöhungsdebatte“ scheinen das Kurzzeitgedächtnis vieler Deutscher nachhaltig geschädigt zu haben, denn selbst so kurze Wörter wie Lauchsuppe oder Winterreifen liest man immer häufiger getrennt geschrieben. Besonders häufig und schwerwiegend sind diese Fehler im Internet. Als neulich auf meiner Youtube-Startseite ein Video namens „Mäuse Situation eskaliert“ erschien, hätte ich beinahe mit einem Videopost mit dem Titel „Rechtschreib Schwäche eskaliert“ reagiert. Ich konnte mich gerade noch zurückhalten.

An diese Entdeckung, die sich letzten Sommer ereignete, werde ich noch lange denken: ich kam gerade aus der Hitze ins Haus und schenkte mir ein Glas kühle Apfelschorle ein, als mein Blick auf das Flaschenetikett fiel: das obere Etikett am Flaschenhals trug die Bezeichnung „Apfel Schorle“. Da bei mir sofort alle Alarmmechanismen ansprangen, las ich weiter. Auf dem großen Etikett weiter unten stand plötzlich „Apfel-Schorle“ und noch weiter unten, ganz klein und versteckt, fand ich die korrekte Variante „Apfelschorle“. Wahrscheinlich waren sich die Herren und Damen selber nicht sicher und haben deshalb zur Sicherheit alle drei Varianten genommen, damit auch ja alle zufrieden sind. Meine E-Mail an den Hersteller, in der ich damals auf die Inkonsequenz hingewiesen und mich als Lektor für künftige Produktentwicklungen empfohlen habe, blieb leider bis heute unbeantwortet.

Projekt1

Vielfältige Ursachen

Ein Grund für diese Entwicklung ist sicherlich der Einfluss des Englischen, wo es zwar auch Komposita gibt, diese aber meistens auseinander geschrieben werden. Doch auch Muttersprachler sind hier manchmal verwirrt, denn auch hier sind mehrere Schreibweisen möglich: housewife, house-builder, window sill.

Ein weiterer Grund ist sicherlich die Benutzung von Smartphones, deren Displays nicht immer so reagieren, wie es wünschenswert wäre. Statt für ein langes Wort mit Tippfehler, das der Rechtschreibprüfer nicht erkennt, entscheidet man sich vielleicht lieber für zwei getrennte Wörter, höchstwahrscheinlich noch klein geschrieben. Als noch auf Papier geschrieben und getippt wurde, legte man noch sehr viel mehr Wert auf die Rechtschreibung, denn Korrekturen waren mühsam und unschön. Jetzt, im Zeitalter von SMS, Chat und Word-Rechtschreibprüfung hat sich eine „Ist-doch-nicht-so-schlimm“-Mentalität eingestellt.

Was den meisten nicht klar ist: diese Einstellung überträgt sich schnell auch auf andere Situationen. Und je häufiger man Dinge liest wie „Helga‘s Würstchen Bude“, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass man selbst auch kreativ tätig wird, wie z.B. in „Orangen Marmelade“.

Der Bindestrich – Regeln

Immer dann, wenn Eigennamen bzw. Fremdwörter im Spiel sind (1), der Lesefluss gehemmt wird (2) oder wenn Sinneinheiten abgetrennt werden sollen (3), kommt der gute alte Bindestrich zum Einsatz.

Beispiele:

(1) Siemens-Patent

(2) Büro-Infrastruktur (zwei Vokale hintereinander würden den Lesefluss stören)

(3) Augen-Laseroperation

Jedes Mal, wenn ein Bindestrich auftaucht, macht das Gehirn eine kleine Lesepause – und diese Pause kann sehr viel Inhalt vermitteln. Das wird in folgendem Beispiel deutlich: vor einiger Zeit habe ich in Berlin ein Werbeplakat einer Augenklinik gesehen, die ihre – aufgepasst – „Augenlaser-Operation“ bewarb. Wird hier tatsächlich der Augenlaser operiert oder vielleicht doch eher das Auge laseroperiert? Wir werden es wohl nie erfahren.

Man hört schon die Stimmen der Pragmatiker quer durchs Land rufen: „Ist doch egal, wir werden doch verstanden und es macht doch keinen Unterschied, ob ich Armbanduhr oder Armband Uhr schreibe!“ Doch, es macht einen Unterschied! „Armbanduhr“ liest man in einem Schwupp, während man bei „Armband Uhr“ eine kleine Pause macht. Diese Pause sorgt in diesem Fall für Verwirrung, weil nicht klar ist, welche Funktion die Pause hier haben soll. Sollen zwei Sinneinheiten voneinander getrennt werden? Handelt es sich um eine Notiz in Telegrammstil („Armband für Uhr“) und heißt also eigentlich Uhrenarmband?

Das alles könnte man als Kleinigkeiten abtun und sich um vermeintlich wichtigere Dinge kümmern. Und ja, ich bin in diesen Sachen etwas kleinkariert veranlagt. Dennoch: wenn man „Mäusesituation“ getrennt schreibt, was wird dann aus „Geschichtsunterricht“? Was wird dann aus dem Fugen-s oder anderen Fugenelementen?

Das deutsche Kompositum ist logisch und kann – richtig eingesetzt – dem geschriebenen Wort viel Sinn verleihen. Zudem verhindert es lange Genitivketten, die vor allem in romanischen Sprachen sehr schwerfällig sein können (de…de la…du…de l‘…). Vieles in der deutschen Sprache basiert auf dieser Logik. Vielleicht besinnen sich die beiden also nochmal und starten einen zweiten Versuch. Es wäre ihnen – und uns allen, die wir diese Sprache jeden Tag gebrauchen – jedenfalls sehr zu wünschen.


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2 Kommentare

  1. Marie-Chérie schrieb am :

    😀 Sehr gelungener Artikel! Winziger…^^
    Ich bin ganz der Meinung des Autors – machen wir die Welt jeden Tag ein bisschen besser!
    Die begeisterte Leseratte/Lese-Ratte^^


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