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Unterhaltung, Vorgestellt, Wissen

Ostalgie im Fernsehen – Unser Sandmännchen

22. Dezember 2014 Unterhaltung, Vorgestellt, Wissen 2 Kommentare
Das Sandmännchen und sein Schöpfer Gerhard Behrendt
Das Sandmännchen und sein Schöpfer Gerhard Behrendt

Es hat die DDR überlebt, macht niemals Urlaub und hat sich bisher noch nie krankgemeldet. Wer ist es? Nein, nicht Angela Merkel, sondern das Sandmännchen! Seit Jahren schon ist es unter keinen Umständen vom Bildschirm wegzudenken. Ein kurzer Blick auf den Bedeutungswandel der populären Fernsehpuppe. Gastbeitrag von Jana Blondeel

Seinen Ursprung findet das Sandmännchen bei Radio- und Fernsehmoderatorin Ilse Obrig. Sie arbeitete anfangs für das DDR-Radio, wechselte aber 1950 nach West-Berlin und moderierte dort Kindersendungen. Dank ihr geht das Sandmännchen indie deutsche Fernsehgeschichte ein als Sandstreuer, der jeden Abend den Kindern eine Gutenachtgeschichte erzählt. Die kurze Geschichte hieß der Abendgruß und nach festem Wochenplan erschienen täglich verschiedene Figuren wie Pittiplatsch, Schnatterinchen, Moppie, Herr Fuchs und Frau Elster.

Bevor jedoch das Sandmännchen in West-Berlin auf Sendung ging, veröffentlichte das DFF (staatliches Fernsehen der DDR) ein eigenes Sandmännchen, dem sie ironischerweise den Titel Unser Sandmännchen gaben. Das DFF hatte nämlich vorher von den Plänen gehört und kam der Konkurrenz mit dem Ost-Sandmännchen zuvor. Sie wollten um keinen Preis Fernsehzuschauer verlieren; zudem war das Kinderfernsehen ein wichtiges Hilfsmittel für die sozialistische Erziehung der DDR. In nicht mehr als drei Wochen entstand unter der Leitung von Regisseur und Puppengestalter Gerhard Behrendt das Ost-Sandmännchen und komponierte Wolfgang Richter das bundesweit bekannte Sandmann-Lied. Die erste Folge ging am 22. November 1959 auf Sendung und wurde in Stop-Motion-Technik gedreht. Das spätere West-Sandmännchen, das für gewöhnlich auf einer Wolke dahergeflogen kam, hatte fast keinen Erfolg und ist auch irgendwie nicht so recht sympathisch.

Sonderbriefmarke zum 50. Geburtstag

Sonderbriefmarke zum 50. Geburtstag

Die Figur der Sandmann ist keine deutsche Erfindung, sondern erscheint auch in anderen Kulturen. In skandinavischen Ländern heißt die von Hans Christian Andersen erfundene Sandmannfigur Ole Lukøje. Andersen hat diese Figur in einem Märchen verarbeitet. In den Niederlanden heißt die Figur Klaas Vaak. Der Name ist vermutlich vom veralteten Ausdruck vaak hebben abgeleitet, d.h. müde sein. Er streut nicht nur Sand, sondern gießt auch Milch in die Augen der Kinder. Sowohl Ole Lukøje als auch Klaas Vaak leben auf dem Mond. Eine ebenfalls etwas weniger sympathische Version der Sandmannfigur ist die E.T.A. Hoffmanns, die dieser ganz im Stil der Schwarzen Romantik literarisch verarbeitet hat. Der Schauerroman der Sandmann gehörte zu den Nachtstücken und zeigt besonderes Interesse für das Böse und das Wahnsinnige. Im Gegenteil zum friedlichen deutschen Ost-Sandmännchen handelt sich es bei Hoffmann um eine grauenhafte Figur, die nachts zu den Kindern kommt, wenn diese nicht schlafen wollen. Er wirft ihnen Sand in die Augen und wartet, bis sie blutig aus dem Kopf herausspringen. Danach wirft er die Augen in einen Sack und nimmt sie als Futter für seine Kinder mit, die auf dem Halbmond hungrig warten. Zum Glück ist die Fernsehpuppe etwas weniger grausam.

Das Ost-Sandmännchen sieht freundlich aus, trägt eine rote Zipfelmütze, hat ein weißes Ziegenbärtchen und Knopfaugen und lässt Kinderherzen von Aachen bis Görlitz dahinschmelzen. Obwohl das Sandmännchen „süß“ aussieht, hatte es nicht immer eine neutrale Konnotation. Es wurde früher als Zeichen der DDR-Ideologie verwendet und wird heute von Manchem noch als solches empfunden. In einigen Folgen ist das Sandmännchen mit vielen verschiedenen Fahrzeugen und Fluggeräten zu sehen. Raketen und Raumfahrzeuge, u.a. das Mondmobil, dienten zur Eroberung des Weltraums. Das Sandmännchen flog mit seinem Mondmobil zum Mond und dies wurde sogar Wirklichkeit als Sigmund Jahn 1978 als erster Deutscher das Weltall erforschte. Er hatte nämlich eine Sandmannpuppe dabei. Das Sandmännchen besuchte vor allem sozialistische Bruderländer, war jedoch auch „drüben“, d.h. jenseits der Mauer, als es die Bremer Stadtmusikanten besuchte. Eine Folge, in der das Sandmännchen in einem Heißluftballon angeflogen kommt, wurde nicht ausgestrahlt, weil zwei Tage zuvor DDR-Flüchtlinge mit einem Luftballon in den Westen geflohen waren. Jahrelang wurde das Fluggerät nicht mehr gezeigt. In einer anderen Folge besucht das Sandmännchen die Nationale Volksarmee, während im Hintergrund vorbeifahrende Panzer zu sehen sind. Im Film Goodbye Lenin wird ein fiktives DDR-Fernsehjournal gedreht, in dem wir schließlich auch dem Sandmännchen begegnen. Zudem wird in diesem Film das Sandmännchen als Verkörperung der DDR-Ideologie dargestellt.

Das West-Sandmännchen

Das West-Sandmännchen

Was ist denn mit dem West-Sandmännchen und dem internationalen Sandmännchen passiert? Einfach in Luft aufgelöst? Sie konnten das Ost-Sandmännchen nicht übertreffen und sind schließlich aus dem Fernsehen verschwunden. Der „Ossi“ brachte es während der deutschen Teilung zu großer Beliebtheit in ganz Deutschland. Sogar westdeutsche Kinder schalteten ein, wenn das Ost-Sandmännchen über die Mattscheibe flimmerte, und ließen den „Wessi“ im Stich.1989 wurde das West-Sandmännchen vom Bildschirm verbannt. Dasselbe wollte man mit dem Ost-Sandmännchen machen, aber das hat letztendlich nicht geklappt. Das Ost-Sandmännchen ist nicht mehr vom Bildschirm wegzudenken. “Wir wollen das Sandmännchen zurück!”, riefen zahlreiche Protestierende. Hunderte Leute, darunter Erwachsene und Kinder, gingen auf die Straße, um ihr Sandmännchen zu retten.

Heute gibt es ein bundesweites Sandmännchen, dessen Ursprung noch immer in der ehemaligen DDR liegt. Dies alles macht den Ossi zum Gewinner der Wende und zeigt, dass in der DDR nicht alles „so schlecht“ war. Auch heute noch streut das Sandmännchen jeden Abend seinen Schlafsand, damit die Kinder süße Träume haben. Damit ist doch etwas von der sozialistischen Utopie übrig geblieben, nämlich die Sehnsucht nach Sicherheit und Geborgenheit, die die deutsche Gesellschaft ihren Kindern wünscht, gerade weil sie weiß, wie die Welt in Wirklichkeit funktioniert. Der fünfzigste Geburtstag des Ost-Sandmännchens wurde 2009 gründlich gefeiert. Es gab verschiedene Ausstellungen, es wurden sogar ein Film sowie ein Musical produziert und das Sandmännchen hat seine eigene Sonderbriefmarke bekommen.

Ganz bestimmt ist das Sandmännchen für die deutsche Bevölkerung ein Erinnerungsort und das sogar in zweierlei Hinsicht: für die Menschen aus der ehemaligen DDR als Sieg über West-Deutschland und für diejenigen, die nach der Wiedervereinigung geboren sind und mit dem Sandmännchen des vereinten Deutschland aufgewachsen sind. Obwohl es ursprünglich als Klassenkämpfer gedacht war, hat es heute einen Kultstatus erlangt und spielt eine bedeutende Rolle in der Erinnerung an die Kindheit für die deutsche Jugend.

                                                                                                                                                             Jana Blondeel


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