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Leitartikel

Wie viel Erinnerung brauchen die deutsch-französischen Beziehungen?

24. August 2013 Leitartikel 0 Kommentare

Wie viel Erinnerung brauchen die deutsch-französischen Beziehungen?

Von Reiner Marcowitz*

Noch nie, so hat es den Eindruck, ist derart intensiv des Deutsch-Französischen Vertrages gedacht worden, wie aus Anlass seines diesjährigen 50. Geburtstags, dessen Feiern frühzeitig eingebettet wurden in ein von beiden Regierungen förmlich ausgerufenes „Deutsch-Französisches Jahr 2012-2013“. Und noch nie ist hierfür so stark die Geschichte bemüht worden: Angefangen hatte es mit dem Treffen von Bundeskanzlerin Angela Merkel und dem französischen Staatspräsident François Hollande in Reims am 8. Juli 2012, um an Konrad Adenauers und Charles de Gaulles Besuch der Stadt exakt 50 Jahre zuvor zu erinnern, mit dem damals beide Staatsmänner die Aussöhnung ihrer beiden Völker dokumentieren wollten.

Es folgten Merkels und Hollandes Besuch in Ludwigsburg im September 2012 – eine Hommage an de Gaulles berühmte Rede an die deutsche Jugend im September 1962. Und natürlich waren diese fast schon mimetischen Akte nur besonders schlagende Belege für die generelle Beschwörung der deutsch-französischen Vergangenheit, die auch ansonsten in kaum einem Jubiläumsakt fehlte. Zwar ist das „Deutsch-Französische Jahr“ mittlerweile auch schon wieder Vergangenheit, doch eine Fortsetzung steht uns bereits bald ins Haus: 2014 besinnen wir uns auf den hundertsten Jahrestag des Beginns des Ersten Weltkrieges, und schon gibt es Beauftragte auf deutscher und französischer Seite, die die offizielle historische Rückschau vorbereiten.

Nun ist der Rekurs auf die Vergangenheit in den deutsch-französischen Beziehungen nichts Neues: Die Beziehungen beider Länder waren nach dem Zweiten Weltkrieg diskursiv wie inszenatorisch immer auch durch historische Erinnerungsakte geprägt: Das galt schon für Schumans Rede vom 9. Mai 1950, in der er den europapolitischen Neuaufbruch in die Montanunion mit der Erfahrung der Weltkriege motivierte, ebenso wie für die gemeinsame Teilnahme Adenauers und de Gaulles am Hochamt in der im Ersten Weltkrieg von Deutschen teilweise zerstörten Kathedrale der ville martyre Reims im Juli 1962. Auch Karikaturisten stellten die deutsch-französische Verständigung nach dem Zweiten Weltkrieg und deren Protagonisten bereits frühzeitig gerne in die Kontinuität früherer Aussöhnungsversuche, vor allem jene von Gustav Stresemann und Aristide Briand. Insofern war die geschichtsbewusste Stilisierung der Annäherung von Deutschen und Franzosen zumindest seit den 1950er-Jahren ein gängiges Mittel zur Legitimation und Selbstdarstellung der entsprechenden Handlungen.

In den 1980er-Jahren intensivierten sich diese geschichtspolitischen Akte dann sogar noch einmal. Beispielhaft hierfür steht der gemeinsame Auftritt von Bundeskanzler Helmut Kohl und Staatspräsident François Mitterrand am 22. September 1984 in Verdun, also auf einem, wenn nicht dem deutsch-französischen Schlachtfeld des Ersten Weltkrieges schlechthin: Ihr minutenlanges Verharren Hand in Hand wirkte dabei umso überzeugender, als beide Politiker glaubwürdig die Kenntnis der konfliktreichen wie auch der befruchtenden Kapitel der Beziehungen ihrer beider Länder verkörperten. Gleichzeitig war ihre Geste innovativ: Sie anerkannte erneut die Last der Vergangenheit, doch ging diese Einsicht nunmehr mit einer starken gegenseitigen Empathie einher, die nicht mehr die Schuld der einen oder der anderen Seite betonte, sondern Verständnis für das Leiden des jeweils anderen aufbrachte. Folglich überführte der Gedenkakt von Verdun die bislang getrennte, ja konkurrierende und manchmal sogar konfliktuelle Erinnerung an den Ersten Weltkrieg in ein einvernehmliches Gedenken an eine gemeinsame Schreckenserfahrung und verhalf schließlich auch dem Übergang vom Mythos der „Erbfeindschaft“ zu jenem der „Erbfreundschaft“ endgültig zum Durchbruch.

Kohls und Mitterrands Abtritt von der politischen Bühne markierte dann einen tiefgreifenden Generationenwechsel im deutsch-französischen Verhältnis: Jene Altersgruppe, die den Zweiten Weltkrieg und seine Folgen noch selbst miterlebt hatte und der die Aussöhnung mit den Nachbarn daher nach 1945 eine Herzensangelegenheit war, machte endgültig einer neuen Platz, für die Europa nur noch „eine Sache der Vernunft“ (Daniel Vernet) war. Dennoch fand Kohls und Mitterrands geschichtspolitisches Vorbild Nachahmer: Gerhard Schröder und Jacques Chirac stilisierten sowohl den 40. Jahrestag des Deutsch-Französischen Vertrages im Januar 2003 zum säkularen Hochamt der Regierungen beider Länder an einer für die deutsch-französische Konfliktgeschichte ebenfalls sehr bedeutsamen Stätte – Schloss Versailles – als auch, gut ein Jahr später, den 60. Jahrestag des D-Day, der alliierten Landung in der Normandie, am 6. Juni, zum einvernehmlichen Erinnerungsakt am historischen Ort.

Ebenso begingen Angela Merkel und Nicolas Sarkozy 2009 den 91. Jahrestag des deutsch-französischen Waffenstillstands vom 11. November 1918 mit einer gemeinsamen Kranzniederlegung am Grab des unbekannten Soldaten unter dem Pariser Arc de Triomphe. Allerdings dienten letztere Akte bezeichnenderweise jeweils unterschiedlichen Zwecken: Im Falle Schröders und Chiracs ging es den Protagonisten um die Affirmation ihres Schulterschlusses, der sich im Zuge ihrer gemeinsamen Ablehnung des amerikanischen Irak-Feldzuges hergestellt hatte. Merkel und Sarkozy wiederum wollten ganz im Gegenteil ihren noch defizitären persönlichen und politischen Konsens überspielen. Gerade dieses Beispiel zeigt also besonders eindrucksvoll, wie verpflichtend eine einmal erfolgreiche Inszenierung – jene von Verdun 1984 – werden kann und dass sie sogar Unzulänglichkeiten der operativen Kooperation wenn nicht auszugleichen, so doch zumindest abzuschwächen vermag.

So begrüßenswert, ja hilfreich die historische Reminiszenz also ist, so provoziert sie gleichwohl die Frage, wie viel Erinnerung den deutsch-französischen Beziehungen zuträglich ist. Tatsächlich droht latent die Gefahr einer Übersättigung, und insbesondere eine inflationär betriebene Mimesis riskiert, dass ihre Wirkung in dem Maße abnimmt, wie sie zu offensichtlich der jeweiligen zeitgenössischen Lebenswirklichkeit widerspricht. Nur eine authentische oder zumindest authentisch wirkende Kommemoration kann dazu beitragen, die deutsch-französische Zusammenarbeit auch weiterhin in der Breite der deutschen und der französischen Gesellschaft positiv zu verankern und ihr damit jenen notwendigen populären Unterbau zu erhalten, den sie – dies ein Spezifikum der Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich – in Form vielfältiger privater und zivilgesellschaftlicher Initiativen, wie den Deutsch-Französischen Gesellschaften, seit der frühen Nachkriegszeit hat. Auch kann die Beschwörung der Vergangenheit nicht dauerhaft Defizite der aktuellen Zusammenarbeit beider Länder ausgleichen.

Insofern ist es eine geradezu ideale Konstellation, dass sich im deutsch-französischen Fall mittlerweile eine doppelte Tradition der Überhöhung der operativen Politik verankert hat: neben der historischen Inszenierung in Form von gemeinsamen Erinnerungsritualen auch die Stilisierung zur im Hier und Jetzt effektiv funktionierenden „Achse“ oder zum deutsch-französischen „Motor“, „Paar“ bzw. „Tandem“. Letzteres hat mittlerweile eine fast normative Kraft für, oder besser: über die jeweiligen politischen Protagonisten in Deutschland und in Frankreich gewonnen, da derart eine Erwartungshaltung in der Öffentlichkeit aufgebaut worden ist, die zu enttäuschen nicht nur außen-, sondern auch innenpolitische Sanktionen zur Folge haben kann.

Eine Balance zwischen beidem zu halten – der Erinnerung an eine konfliktreiche Vergangenheit einerseits und der Demonstration des gemeinsamen Gestaltungswillens andererseits – wird auch eine der Aufgaben des anstehenden Centenaire sein. Dabei mag erschwerend hinzukommen, dass die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg bis heute in Frankreich eine weit größere Rolle spielt als in Deutschland: Steht sie in der Bundesrepublik ganz im Schatten des noch monströseren Zweiten Weltkriegs und der nationalsozialistischen Verbrechen, ist sie bei unserem Nachbarn weiterhin ein wichtiges Kapitel ihrer nationalen Meistererzählung und der alljährliche Gedenkakt am 11. November Teil jener „nationalen Religion“ (René Rémond), mit denen sich die Franzosen nach wie vor über alle politischen und sozialen Gräben hinweg ihrer selbst zu vergewissern versuchen.

Dennoch stellt 1914/18 letztlich für beide Länder, ja für ganz Europa, wenn nicht die Welt eine entscheidende Zäsur dar: Dieser erste große Flächenbrand des 20. Jahrhunderts war tatsächlich die „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ (George Kennnan): ohne sie wohl kein Hitler, kein Zweiter Weltkrieg und auch keine Teilung Europas, ja der Welt im Zeichen des amerikanisch-sowjetischen Bipolarismus. Zudem forderte dieser Krieg gerade von Deutschen und Franzosen einen ungeheuren Blutzoll, von unseren Nachbarn sogar einen weit höheren als später im Zweiten Weltkrieg. Wer das Gräberfeld von Verdun mit den nicht enden wollenden Reihen von Kreuzen der Gefallenen oder das dortige Beinhaus besucht, vermag auch heute noch das Leid über den Verlust einer ganzen Generation zu erahnen.

Doch zurecht verlangt die Mission du Centenaire, die die Feierlichkeiten auf französischer Seite koordiniert, von den von ihr geförderten Projekten, dass sie nicht nur eine retrospektive, sondern auch eine auf Gegenwart und Zukunft bezogene Perspektive haben müssen. Diese Forderung sollte auch die Politik beherzigen, zumal die Aktualität des vergangenen Geschehens auf der Hand liegt: Krieg ist seit dem Ende des Ost-West-Konflikts wieder ein Mittel der Politik geworden, und dies nicht nur in europafernen Gefilden, sondern auch mitten unter uns, wie der Jugoslawienkonflikt in den 1990er-Jahren zeigte. Zudem sind militärische Interventionen Dritter zur Durchsetzung einer Konfliktbeilegung mittlerweile an der Tagesordnung und auch Deutschland und Frankreich haben hieran schon teilgenommen, so unterschiedlich die militärischen Temperamente und Traditionen in beiden Ländern auch nach wie vor sind. Hierfür gab und gibt es gute Argumente, gleichwohl darf selbst der wohl begründete militärische Einsatz, horribile dictu: „gerechte Krieg“, wirklich nur die ultima ratio sein, denn auch er fordert fast immer unschuldige Opfer und kann leicht eskalieren.

Insofern vermag die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg tatsächlich relevante geschichtliche Nachhilfe zu geben, denn gleich wie man die Kriegsschuld der damals beteiligten Staatenlenker gewichtet bleibt die Erkenntnis, dass keiner von ihnen den „Großen Krieg“ wollte, indes einige das Zündeln mit ihm in Kauf nahmen. Auch damals waren gerade einmal 100 Jahre seit dem Ende des letzten europäischen Großmachtringens – im Zuge der Revolutions- und Napoleonischen Kriege – vergangen. Diese Zusammenhänge aufzuzeigen und hieraus die richtigen Lehren zu ziehen, womöglich sogar mit dem Ziel einer Stärkung der noch defizitären Außen- und Sicherheitspolitik der Europäischen Union, könnte die offiziellen Feiern im neuen „Deutsch-Französischen Jahres“ 2014 gleich doppelt legitimieren: als eine notwendige historische Erinnerung und als einen anregenden Denkanstoß zur Bewältigung aktueller Herausforderungen.

*Reiner MARCOWITZ ist Professor für deutsche und europäische Geschichte an der Universität Lothringen, Direktor des Centre d’études germaniques interculturelles de Lorraine (CEGIL) und des Centre franco-allemand de Lorraine (CFALOR).


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