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Leitartikel

Robert Schuman und seine Vision eines geeinten Europas

10. Dezember 2013 Leitartikel 0 Kommentare

Das Jahr 2013 nähert sich dem Ende und es ist Zeit für einen Rückblick auf ein Jahr, das durch zahlreiche herausragende europäische Ereignisse geprägt war.

Von Jean-Dominique Giuliani

Gleich zu Beginn des Jahres – am 22. Januar 2013 – konnten Deutschland und Frankreich den 50. Jahrestag der Unterzeichnung des Elyséevertrages feiern, der einen wichtigen Schritt auf dem Weg zur Aussöhnung beider Länder markiert hat und dessen Inhalt bis heute die außergewöhnlich engen deutsch-französischen Bindungen prägt. Im Jahr der Unterzeichnung des Elyséevertrages (1963) starb der große Europäer und Vorkämpfer für die deutsch-französische Freundschaft, Robert Schuman, in seinem Haus in Scy-Chazelle. Am 4. September 2013, dem 50. Todestag Robert Schumans, wurde in ganz Europa und sogar darüber hinaus seiner Verdienste um die europäische Einigung gedacht. Die Vision Robert Schumans von einem geeinten Europa, wie er sie in der Schumanerklärung am 9. Mai 1950 der Öffentlichkeit präsentierte, gilt als Geburtsstunde der Europäischen Union. Ohne Robert Schuman sind die deutsch-französische Aussöhnung und die Einigung Europas nicht denkbar, wobei nicht unerwähnt bleiben darf, dass der große Erfolg Robert Schumans nicht zuletzt auf die positive Aufnahme seiner Ideen im Ausland, insbesondere in Deutschland, zurückzuführen ist. Konrad Adenauer und Robert Schuman, beide Christdemokraten, lagen in ihren politischen Grundüberzeugungen auf einer Linie. Für Adenauer waren die Westintegration der Bundesrepublik und die Aussöhnung mit Frankreich herausragende Ziele seiner Politik. Er übergab noch am gleichen Tag, an dem er von Robert Schuman über dessen Plan informiert worden war, dem Kurier des französischen Außenministers sowohl ein offizielles als auch ein persönliches Antwortschreiben mit seiner vorbehaltlosen Zustimmung.

Heute leben wir seit über 50 Jahren in einem friedlichen Europa, das seit dem Beitritt Kroatiens zum 1. Juli diesen Jahres aus 28 Mitgliedern besteht, die gemeinsame Werte und Ziele teilen und für Frieden und Wohlstand in Europa und in der Welt eintreten. Dieser großartige Erfolg ist in nicht geringem Maße dem Einsatz und den Ideen Robert Schumans zu verdanken.

Robert Schuman hat die Gelegenheit ergriffen und ein Jahrhundert kriegerischer Zerstörung beendet. Heute würde man dies als „strategischen Bruch“ bezeichnen. Robert Schuman hatte den Mut und die Entschlossenheit, ein neues Kapitel aufzuschlagen und in die Zukunft zu denken – mit der Entscheidung zur Zusammenarbeit und späterer Freundschaft, die die Völker dauerhaft vereinen und Europa aus den Ruinen auferstehen lassen sollte. Nach zwei selbstmörderischen Weltkriegen musste Europa seine Vergangenheit hinter sich lassen. Selbst jetzt, in Zeiten der Krise, ist Europa die Region, in der weltweit der größte Wohlstand generiert wird, es ist die größte Wirtschaftsmacht und der größte Binnenmarkt. Europa ist ein Platz für Geisteswissenschaften, Kunst und Literatur. Europa ist der Kontinent, wo man leben möchte, da sich hier Freiheit mit Solidarität vereint, Macht mit Frieden und Reichtum mit Gerechtigkeit.

Die Gründung der Europäischen Union ist ein enormer Erfolg, der alle Erwartungen übertroffen hat. Dies muss betont werden, wenn im Inneren der Union Kälte und Zynismus um sich greift, wobei Europa von außen betrachtet als Vorbild gilt, um das uns viele beneiden.

Die Bürger sind oft enttäuscht von der Europäischen Union. Sie zeigen sich frustriert, ungeduldig, verständnislos, zurückweisend. Selbst die Eliten scheinen verstört angesichts der europäischen Dimension und der oft unverständlichen Bürokratie. Wir sollten den einen wie den anderen in Erinnerung rufen, bei aller berechtigten Kritik, dass wir stolz sein können auf Europa und seine Errungenschaften. Ich ziehe es vor, die Skeptiker an die Maxime des großen Poeten Pierre Seghers zu erinnern: „Das Unmögliche ist das, was Zeit braucht.“

Wenn Europa sich auch stark verändert hat, so sind seine Fundamente doch gleich geblieben, wie auch sein Herz, das deutsch-französische Herzstück zunächst. Die deutsch-französische Aussöhnung beruht insbesondere auf der Initiative Robert Schumans. Es gibt somit Grund genug, stolz zu sein und zu betonen, dass Frankreich im Herzen Europas liegt, dass es ein aktiver und unerlässlicher Motor für den Aufbau Europas ist und dass die europäische Einigung trotz ihrer Langsamkeit immer noch die intelligenteste Antwort auf die Herausforderungen der Globalisierung darstellt.

2014 werden sämtliche europäischen Institutionen neu besetzt werden, in einer Zeit, in der Europa nach wie vor stark von der Krise geprägt ist. Einige zweifeln, ob die Krise überwunden werden kann. Viele befürchten, dass die extremen Parteien Boden gewinnen und bei der Wahl des Europaparlaments punkten werden und hierdurch der außergewöhnliche Erfolg der europäischen Einigung gefährdet werden wird. Sicherlich, Europa muss sich reformieren, wandeln und anpassen und auch wir selbst sind diesbezüglich oft ungeduldig. Das europäische Projekt wird jedoch nicht stehen bleiben. Es ist quasi unumkehrbar. Es liegt an uns, es weiterzuführen, zu leiten und es ständig zu verbessern.

E. Mounier sagte: „Ideen sind nichts, ohne die Menschen, die sie mit Leben erfüllen können“. Die Robert Schuman Stiftung wird auch weiterhin der Ort für konstruktive Vorschläge sein und ihre Rolle erfüllen, indem sie sich mit Überzeugung für das europäische Werk einsetzt. Wir veröffentlichen den ersten elektronischen europäischen Nachrichtenüberblick mit über 200 000 Abonnenten. Wir publizieren mehr Studien als der Großteil der Think Tanks in Europa, wir unterhalten ein Netzwerk an Experten und Autoren, die in ganz Europa geschätzt werden. All dies verwirklichen wir mit einer kleinen Zahl an Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und mit Mitteln, die so begrenzt sind, wie unsere Ambitionen groß. All diejenigen, die sich für Europa interessieren, können sich an der Arbeit der Stiftung beteiligen und diese unterstützen. Unternehmen, die Expertise benötigen, Privatleute, die sich informieren möchten, Kämpfer für die europäische Sache, alle sind herzlich eingeladen, uns als einen der wichtigen Think Tanks zum Wohle Europas zu unterstützen.

Das europäische Projekt erfordert tagtäglich unser Engagement. In diesem Jahrhundert der unaufhörlichen Veränderungen, die die Bürger verunsichern und unser Modell in Frage stellen, ist unser Engagement wichtiger denn je. Wie ein japanisches Sprichwort besagt: „Das einzig Dauerhafte in dieser Welt ist die Veränderung“. Dies ist genau das, was wir erleben.

Die Nationalstaaten stehen mit der Bewältigung dieses Wandels nicht mehr alleine da. Wir müssen jedoch noch zuverlässiger gemeinsam dafür arbeiten, dass unserem Kontinent die Anpassung gelingt. Hierfür brauchen wir Verantwortliche, die von einem stärkeren europäischen Engagement geprägt sind. Wir werden ihnen helfen, wir haben die nötige Vorstellungskraft und Kreativität hierfür. Gemeinsam werden wir es schaffen.

Dies ist die Lehre, die wir aus dem Leben und Werk Robert Schumans ziehen können, der vor fünfzig Jahren von uns gegangen ist.

Der Autor Jean-Dominique Giuliani ist der Präsident der Robert Schuman Stiftung.


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